10. September 2021

Tösstaler übernimmt Goldschmied-Atelier

«Bei jedem Match hat­te ich einen Edel­stein in der Tasche»

Simon Eich­mann betreibt seit Juli ein eige­nes Gold­schmied-Ate­lier in der Win­ter­thu­rer Alt­stadt. So kur­vig wie die Töss­ta­ler Stras­sen ist auch sei­ne Kar­rie­re verlaufen.

Text aus dem Arti­kel aus “Der Tösstha­ler”, Frei­tag 10. Sep­tem­ber 2021, Autor: Caro­lin Zbinden

TÖSSTAL Das Gold­schmied- Ate­lier von Simon Eich­mann liegt im Her­zen der Win­ter­thu­rer Alt­stadt. Im Schau­fens­ter dreht sich gera­de alles um das The­ma Cham­pa­gner. Edel­stei­ne in Gelb­tö­nen, Gold­ket­ten und – rin­ge fun­keln zwi­schen Schaum­wein­fla­schen und ‑kis­ten. «Alle paar Wochen deko­rie­ren wir die Vitri­nen unter einem neu­en Mot­to um», erläu­tert Eich­mann mit einem lie­be­vol­len Blick auf sei­ne hand­ge­mach­ten Schätze.

Das Sujet ist gut gewählt – denn Rin­ge sind die Spe­zia­li­tät des gelern­ten Gold­schmieds. Und zu schö­nen Schmuck­stü­cken passt bekannt­lich Cham­pa­gner. «Das Gold­schmied-Ate­lier, bei dem ich mei­ne Leh­re absol­viert habe, hat haupt­säch­lich Ehe­rin­ge her­ge­stellt», klärt der gebür­ti­ge Töss­ta­ler auf.

Eich­mann wur­de erst auf dem zwei­ten Bil­dungs­weg Gold­schmied. Zuvor arbei­te­te er als Kon­struk­teur und Maschi­nen­bau­in­ge­nieur. Dane­ben spiel­te er in Win­ter­thur viel Uni­ho­ckey. Das hat ihn bis in die Junio­ren- und Her­ren­na­tio­nal­mann­schaft gebracht. «Der Sport war mei­ne Haupt­pas­si­on – der Job Neben­sa­che», ord­net Eich­mann ein.

Als er fast 30 Jah­re alt war, been­de­te er sei­ne Uni­ho­ckey-Kar­rie­re. «Einer­seits kam in mir nach etli­chen Jah­ren in die­sem Sport die Sinn­fra­ge auf. Aber auch der Kör­per hat sich gemel­det», erin­nert er sich. «Danach genüg­te mir der gelern­te Beruf nicht mehr. Es steck­te zu wenig Lei­den­schaft dahin­ter», sagt Eich­mann. Statt­des­sen besann er sich auf das, was ihm frü­her Freu­de gemacht hat­te – und er ent­deck­te sei­ne Fas­zi­na­ti­on für Gold und Edel­stei­ne wieder.

Glücksbringer in der Tasche

Sein Gross­va­ter war Strah­ler und such­te in den Ber­gen nach wert­vol­len Mine­ra­li­en. Für die Enkel fiel nicht sel­ten ein Exem­plar ab. «Edel­stei­ne waren mei­ne Glücks­brin­ger. Bei jedem Match und jeder Prü­fung hat­te ich einen in der Tasche», so Eich­mann. Nach­dem er in diver­sen Ate­liers in den Beruf hin­ein­ge­schnup­pert hat­te, ent­schied er sich daher für eine Leh­re als Gold­schmied bei Mojo Design in Winterthur.

Zur Aus­bil­dung gehör­te ein Lehr­lings­aus­tausch, in Zuge des­sen Eich­mann die Bekannt­schaft von Rue­di Der­ks mach­te, der damals das Gold­schmied-Ate­lier am Unte­ren Gra­ben führ­te. 2019 durf­te Eich­mann dort für eini­ge Wochen als Prak­ti­kant sei­nen Erfah­rungs­ho­ri­zont erwei­tern. «In die­ser Bran­che hat jedes Ate­lier sei­ne Eigen­hei­ten. Der­ks kann­te noch Tech­ni­ken, die ich in mei­ner Leh­re nicht gelernt hatte.»

Vertrauen aufbauen

Der­ks heg­te zu sei­nen Kun­den sehr per­sön­li­che Bezie­hun­gen, was Eich­mann ihm gleich­tun will. «Etwas vom Wich­tigs­ten in die­sem Beruf ist das Ver­trau­en, das der Kun­de zum Gold­schmied auf­bau­en muss. Dabei hilft es, wenn man sich als Schmied in sei­nem Ate­lier zu Hau­se fühlt. In Zürich wäre ich mir fremd vor- gekom­men.» Die Lage in der Win­ter­thu­rer Alt­stadt und die ent­spann­te Atmo­sphä­re im Betrieb ver­an­lass­ten den dama­li­gen Lehr­ling dazu, am Unte­ren Gra­ben den muti­gen Schritt in die Selb­stän­dig­keit zu wagen.

«Ich wuss­te, dass Der­ks in Pen­si­on gehen will und eine Nach­fol­ge sucht. Daher mel­de­te ich mein Inter­es­se an», sagt Eich­mann. Im ver­gan­ge­nen Jahr arbei­te­te das ein­ge­spiel­te Team Hand in Hand – genug Zeit für Eich­mann, sich ein­zu­le­ben und für Der­ks, sich zu lösen. Seit Anfang Juli darf der 39-Jäh­ri­ge das Ate­lier am Unte­ren Gra­ben nun sein Eigen nen­nen. Der­ks steht ihm noch immer als tat­kräf­ti­ge Unter­stüt­zung zur Sei­te. «Am Betrieb wird sich nur wenig ver­än­dern – der Laden wird im Geist von Der­ks Schaf­fen wei­ter­ge­führt», umschreibt Eich­mann. Er hat bei­spiels­wei­se damit begon­nen, die Arbeits­ab- läu­fe zu digi­ta­li­sie­ren. Die Schmuck­stü­cke dürf­ten zudem fein­glied­ri­ger werden.


«Nur eine Chance»

Der 39-Jäh­ri­ge ist in Zell auf­ge­wach­sen, ging in Rikon und spä­ter in Tur­ben­thal zur Schu­le und spiel­te bis ins Teen­ager­al­ter beim Uni­ho­ckey­ver­ein Wila. Als jun­ger Erwach­se­ner ver­liess er das Töss­tal – sein Weg führ­te Eich- mann aber immer wie­der zurück in den Hei­mat­ort. Als pas­sio­nier­ter Fischer hegt der Gold­schmied eine beson­de­re Bezie­hung zur Töss. «Ich habe vie­le schö­ne Erin­ne­run­gen an den Fluss, ans Brä­te­ln, das Baden und natür­lich die Fische», sagt Eichmann.

«Wenn ich für das Töss­tal ein Schmuck­stück schmie­den müss­te, wäre das ein Ring aus Fein­gold in einer Wel­len­fluss­form. In der Töss kann man näm­lich Gold waschen.» Einen sol­chen Ring besitzt der Schmied bereits. Eich­mann holt ihn aus einer Tru­he. Der Ring ist mit punk­tu- ellen Bril­lan­ten ver­setzt. «Die könn­ten die Gemein­den sym­bo­li­sie­ren», sagt der 39-Jäh­ri­ge mit einem Augenzwinkern.

Ein Schmuck­stück wie die­ses schmie­det Eich­mann in rund einem Monat. Er pro­fi­tiert dabei von sei­ner jah­re­lan­gen Tätig­keit als Kon­struk­teur. «Ich bin ein Exper­te für 3D-Visua­li­sie­run- gen am Com­pu­ter», erklärt er. Damit sich ein Kun­de ein Schmuck­stück bes­ser vor­stel­len kann, model­liert er es vir­tu­ell. «Ich lie­be es, dass ich als Gold­schmied etwas, das nur in der Vor­stel­lung exis­tiert, durch mei­ne Hän­de umset­zen kann. Es steckt viel Lebens­zeit in mei­nen Schmuckstücken.»

Zu Beginn hat­te er gros­sen Re- spekt vor der Arbeit mit den wert­vol­len Mate­ria­li­en. «Oft hat man nur eine Chan­ce. Wenn ein Schritt nicht gelingt, muss man von vorn anfan­gen.» In sei­ner Lehr­zeit ist Eich­mann bereits ein sol­cher Faux­pas unter­lau­fen. «Ich habe einen Edel­stein auf ein Werk­zeug fal­len las­sen. Er ist zer­split­tert», erin­nert er sich.

Als Laden­be­sit­zer kom­men auf den 39-Jäh­ri­gen nun neue Auf­ga­ben zu, die ihn ver­mehrt von der Werk­bank fern­hal­ten wer­den. Das stört Eich­mann aller­dings nicht – im Gegen­teil: «Ich fin­de es span­nend, auch das rund­her­um zu machen, wie die Buch­hal­tung, die Home­page, den Ein­kauf und die Rech­nun­gen.» Das mache den Beruf vielschichtig.

Die Coro­na-Pan­de­mie hat auf die Schmuck-Geschäf­te bis­her kei­nen nega­ti­ven Ein­fluss. «Vie­le Leu­te haben ihre Scha­tul­len auf­ge­räumt und dabei alte Schmuck­stü­cke gefun­den. Die­se woll­ten sie in etwas Zeit­ge­mäs­ses ver­wan­deln», erzählt Eich­mann. Ein häu­fi­ger Auf­trag im Gold­schmie­deall­tag – und laut Eich­mann etwas vom Schöns­ten. «Alt­schmuck hat einen emo­tio­na­len Wert für den Kun­den. Dar­aus etwas Neu­es machen zu kön­nen, was täg­lich getra­gen wird, ist sehr beglückend.»

Der Gold­schmied ist opti­mis­tisch, was die Zukunft sei­nes Ate­liers betrifft. «Ich bin davon über­zeugt, dass die­ses Hand- werk immer Wert­schät­zung er- fah­ren wird. Papier­wäh­run­gen kamen und gin­gen, wäh­rend Gold für Jahr­tau­sen­de sei­nen Wert bei­be­hal­ten hat.»

Bil­der von Dimi­tri Muff: