10. Juni 2021

Der Praktikant übernimmt den Laden

Gold­schmied Rue­di Der­ks über­gibt sein Ate­lier nach rund 25 Jah­ren an sei­nen ehe­ma­li­gen Praktikanten.

Text aus dem Arti­kel aus “Der Land­bo­te”, Mitt­woch 9. Juni 2021, Autor: Alex Hoster

Wie doch die Zeit ver­geht! Seit einer gefühl­ten Ewig­keit ist das klei­ne Läde­li am Gra­ben mit sei­nen lie­be­voll gestal­te­ten Schau­fens­tern und dem schö­nen Schmuck ein Blick­fang. Nun erreicht Inha­ber Rue­di Der­ks im Herbst sein Pen­si­ons­al­ter: 1997 hat er hier ange­fan­gen, zuvor war er ab 1982 zuerst Geschäfts­füh­rer, dann Inha­ber eines Schmuck­la­dens im Neu­wie­sen­zen­trum.
«Gera­de als mich lang­sam der ‹Zen­trums­kol­ler› beschlich, erhielt ich einen Tipp für die­ses Laden­lo­kal in einer Lie­gen­schaft von Bru­no Ste­fa­ni­ni», erin­nert er sich. «Doch als ich dort anrief, hiess es, man sei schon ander­wei­tig am Ver­han­deln.» Zum Glück war Ste­fa­ni­nis legen­dä­re Sekre­tä­rin Dora Bösi­ger eine Kun­din von ihm, und so bat er sie, bei ihrem Chef ein gutes Wort ein­zu­le­gen. Es klapp­te, und Der­ks konn­te sei­nen Laden nach eige­nen Vor­stel­lun­gen umbau­en. Dabei kaum auch der alte Holz­bo­den zum Vor­schein, der heu­te noch für ein war­mes Cachet sorgt.

Nachfolge dank Lehrlingsaustausch gefunden

Schon seit rund fünf Jah­ren mach­te sich der Gold­schmied Gedan­ken zu sei­ner Nach­fol­ge und zog auch einen Bran­chen­be­ra­ter bei. Doch letzt­lich kam die Lösung ganz anders zustan­de: durch einen bran­chen­üb­li­chen Lehr­lings­aus­tausch. Die­ser ermög­lich­te es dem Lehr­ling Simon Eich­mann, damals in sei­nem 3. Lehr­jahr, im Okto­ber und Novem­ber 2019 durch ein Prak­ti­kum bei Rue­di Der­ks sei­nen beruf­li­chen Hori­zont zu erwei­tern. «Da ich wuss­te, dass er noch Tech­ni­ken anwen­det, die man in ande­ren Lehr­be­trie­ben nicht mehr mit­be­kommt – etwa Edel­stei­ne fas­sen, Gold schmie­den und Ket­ten machen – woll­te ich unbe­dingt zu ihm», erzählt Eich­mann.
Als die Zusam­men­ar­beit sehr posi­tiv ver­lief, frag­te der Chef sei­nen Prak­ti­kan­ten kur­zer­hand, ob er sich eine Nach­fol­ge vor­stel­len kön­ne. Der Vor­schlag stiess bei Eich­mann auf offe­ne Ohren, denn die­ser such­te ein eige­nes Ate­lier in der Alt­stadt. «Es ist ide­al: Am Gra­ben ist alles etwas ent­spann­ter, klein­räu­mi­ger, per­sön­li­cher, und es hat sogar Bäu­me!», schwärmt er. «Auch mit Rue­di Der­ks Schmuckstil kann ich mich bes­tens identifizieren.»

Ein Traum im Hinterkopf

Zudem ist Simon Eich­mann mit sei­nen knapp vier­zig Jah­ren auch alters­mäs­sig «reif» für ein eige­nes Geschäft, denn die Gold­schmie­de­leh­re war sei­ne Zweit­aus­bil­dung: Nach einer Leh­re als Kon­struk­teur stu­dier­te er am Tech Maschi­nen­bau, danach arbei­te­te er jah­re­lang in sei­nem Beruf. Doch den Traum, Gold­schmied zu wer­den, trug er schon lan­ge in sich: «Mir gefiel die Arbeit als Kon­struk­teur zwar gut, aber es fehl­te mir, dass ich nicht sel­ber umset­zen konn­te, was ich ent­wi­ckelt hat­te», sagt er. «Etwas mit eige­nen Hän­den von A bis Z erschaf­fen, das ist für mich das Schöns­te!»
Trotz­dem ist das CAD (Com­pu­ter Aided Design), das in sei-nem frü­he­ren Beruf eine zen­tra­le Rol­le spiel­te, nicht ver­lo­ren: «Es ist ein nütz­li­ches Werk­zeug, um mei­ner Kund­schaft mit einem Bild oder einem Modell einen bes­se­ren Ein­druck zu geben», sagt er. «Frü­her muss­te sie dem Hand­wer­ker blind ver­trau­en.»
Beim Schmuck wird die Geschäfts­über­ga­be für die Kun­din­nen und Kun­den kaum spür­bar sein: «Ich such­te ja etwas zum Über­neh­men und will nicht einen neu­en, eige­nen Stil durch­set­zen, son­dern etwas Schö­nes, Bestän­di­ges wei­ter­füh­ren», sagt Eich­mann, der nun schon seit Juli 2020 mit Der­ks zusam­men­ar­bei­tet. Dabei hat er auch sei­ne Kund­schaft ken­nen gelernt. «Es geht vor­erst in die glei­che Rich­tung wei­ter. Viel­leicht wird sich mit der Zeit lang­sam etwas verändern.»

Trotz ver­schwin­den­der Alt­stadt­lä­den oder der Coro­na-Erfah­run­gen fin­det es Eich­mann nicht beson­ders ris­kant, ein eige­nes Geschäft zu eröff­nen – man sei sogar erstaun­lich gut durch das ver­gan­ge­ne Jahr gekom­men. «Nach dem Lock­down spür­ten wir einen gewis­sen Nach­hol­be­darf», sagt Eich­mann. Er ist über­zeugt: «Hand­werk wird immer einen Wert und eine Kund­schaft haben. Und tag­täg­lich mit dem zu tun zu haben, was ande­ren Freu­de macht, ist für mich das Schönste!»